Yoga und Faszien 

Einer der bedeutendsten Namen auf dem Gebiet der Faszienforschung ist Peter Schwind (Rolfer, Osteopath, Dozent und Autor), der die Faszien das „Gewebe des Lebens“ nennt:
„ Faszien sind Gewebsschichten, die unserem Körper seine innere und äußere Form geben. Sie umhüllen den Körper als Ganzes, sie umhüllen aber auch alle seine Teile, die Muskeln, Sehnen und Knochen ebenso wie die Organe, die Gefäße und die Nerven, sogar das Gehirn und das Rückenmark. Ohne Faszien wären wir formlos, würden von außen ungefähr wie eine Amöbe aussehen, während im Inneren unseres Organismus bei jeder Bewegung alles durcheinanderpurzeln würde. Faszien reagieren darauf, wenn wir immer wieder dieselben Bewegungen ausführen, z.B. bei der Bedienung der Maus am Computer. Sie reagieren auch auf die Gewohnheit, immer wieder in derselben Haltung vor dem Bildschirm zu sitzen. Sie bilden eine Brücke zwischen der Aktivität unserer Muskeln und unseren Emotionen. Sie stehen in Verbindung mit unseren Nerven und unserem Gehirn. Sie sind, angefangen von den ersten Stunden des Embryos bis ins hohe Alter, das Bindeglied zwischen allem, was unseren Körper und unsere Person ausmacht. Sie sind das Gewebe des Lebens.“
(aus: „Faszien – Das geheimnisvolle Netzwerk des Körpers und seine Bedeutung für unsere Gesundheit“ von Peter Schwind).

Die Faszien eines jungen Menschen unterscheiden sich erheblich von denjenigen eines älteren. Zum einen enthält das ältere Gewebe weniger Flüssigkeit. Zum anderen kann man feststellen, dass beim jungen Menschen die Muskelfaszien ein klares Scherengitter aufzeigen, während dieses beim älteren Menschen eher ungeordnet, verklebt und chaotisch aussieht. Die Muskeln verlieren dadurch ihren Spielraum und geraten unter Druck. Deshalb fällt es einem älteren Menschen schwerer, sich zu bewegen, zu beugen oder zu strecken.
Sobald sich das Fasziensystem verhärtet, geraten auch die Organe im Innenraum unter Druck. Dabei kann die Funktion der Faszie -   nämlich das Organ zu umhüllen, zu schützen und zu versorgen - nicht mehr erfüllt werden. Im Gegenteil: die starre Faszie verliert ihre eigentliche Funktion und wird zu einer ernsthaften Behinderung für das Organ, zu einer Art Gefängnis.

Im Rücken z.B. kann die Aufrichtung nicht mehr gewährleistet werden. Am sichtbarsten zeigt sich das z.B. dadurch, dass ein älterer Mensch oft plötzlich ein paar Zentimeter kleiner ist als früher.
Die Wirbelkörper werden unnötig zusammengedrückt, schwingen nicht mehr im sogenannten Faszienbett, sondern stecken fest im erstarrten Gewebe. Da sich die Meridiane (Energiebahnn) bekanntlich zwischen den einzelnen Faszien befinden, kann sich bei verklebten Faszien auch die Energie nicht mehr frei fortbewegen. Es entstehen nicht nur physische, sondern auch energetische Blockaden.
Weniger Flüssigkeit, Energie und Elastizität erzeugen im ganzen Körper mehr Steifheit, selbst im Kopf und den Hüllschichten unseres Gehirns. Dies wiederum kann verheerende Folgen haben und z.B. häufiger ein Schädel-Hirn-Trauma auslösen, da sich dadurch ein größerer Abstand zwischen Gehirn und Schädelknochen bildet. Bei einem Sturz oder Schlag fehlt deshalb die natürliche Federung, die z.B. bei einem Baby noch vorhanden ist.

All diese Fehlentwicklungen der Faszien sind häufig die Ursache für Schmerzen, Entzündungen oder Krankheit.
Es ist deshalb von großer Bedeutung, mehr Bewusstheit für unser wunderbares Fasziensystem zu entwickeln und dieses durch regelmäßige Fasziengymnastik oder Faszienyoga beweglich und gesund zu erhalten.

Unser Bewegungsapparat ist ein lebendiges Gefüge. Schon lange sprach man im Rolfing oder anderen Körpertherapien wie Rebalancing von der großen Bedeutung des Bindegewebes und würde heute Fasziensystem sagen. Eine Faszie liegt zwar z.B. um einen Muskel wie eine Haut, verbindet diesen auch über die Sehne zum nächsten Knochen --   aber sie verbindet auch zur nächsten Faszie, so dass Faszien letztendlich wie ein Kleid oder Spannungsnetz als ganzes System im ganzen Körper miteinander verbunden sind fast wie ein Taucheranzug. Selbst die Organe sind in Faszien eingepackt und können durch den Bewegungsapparat unterstützt oder behindert werden.

Obwohl Faszien, bestehend aus Kollagen und Elastin, bis vor Kurzem sehr schwierig an einem lebenden und gesunden menschlichen Körper zu studieren waren, ist es für Fleischesser einfach, sich die Faszien vorzustellen, da sie als das weiße, faserige, zähe Gewebe im Fleisch sichtbar sind.

Die Faszien sind das sogenannte Spannungsnetzwerk des Körpers. Sie bestehen aus Kollagenfasern und dienen der Kraftübertragung. Ihre Form hängt somit sehr von der Kraft und Spannung ab, die auf sie wirkt. Bis zu 40 Prozent der Kontraktionskraft eines Muskels werden nicht durch die spezielle Sehne, sondern durch die fasziale Verbindung zum Muskel gesendet. So gibt es sehr starke Faszien an Stellen, die oft und schwer belastet werden. Weiter bestehen zwei Drittel des Volumens der Faszie aus Wasser, was erklärt, warum Menschen mit zunehmendem Alter steifer werden: Durch einseitig und ständig wiederholte Bewegungen kann das Gewebe dehydrieren und die Faszie verliert an Elastizität und Belastungsfähigkeit. Auch extremer Sport oder heftiges Yoga ist deshalb nicht unbedingt förderlich.

Ein weiterer wichtiger Begriff ist „Tensegrity“ ( tension – Spannung und integrity – Zusammenhalt). Tensegrity ist ein Begriff aus der Architektur und bezeichnet ein Bauwerk, das nicht starr durch Druck gehalten wird, sondern bleibt weich und gibt sich als Ganzes gegenseitig Stabilität.

Es ist wichtig zu verstehen, dass selbst eine noch so kleine Änderung der Fußposition auch eine Veränderung im Rumpf oder Schultern/Kopf erzeugen kann. Dadurch wird jede Bewegung fließender und ganzheitlicher.

Wenn wir mit diesem Bewusstsein Yoga machen, wird unser Verstehen und unser Blickwinkel völlig verändert. Wir entwickeln ein Gefühl, dass der ganze Körper etwas Lebendiges und Zusammenhängendes ist. Eine ständig wechselnde und achtsame Dehnung, Zugrichtung und Belastung formen und verbessern die Faszienkommunikation. Wenn der Körper in dieser Art begegnet wird, spürt jeder nach einiger Zeit eine wunderbare Lebendigkeit, die im ganzen Körper fließt.

Will man gezielt am Fasziensystem durch Yoga üben, ist es zudem nötig zu wissen, welcher Bindegewebstyp du bist. Laut Dr. Roberg Schleip gibt es Wikinger (festes Bindegewebe), Schlangenmenschen (sehr weiches Bindegewebe) und natürlich viele Mischtypen.
Während der erstere Dehnung braucht, ist für den zweiten Stabilisierung und Straffen sinnvoller.

Dieses ganze Wissen unterstützt uns heute, liebevoller, achtsamer und gezielter mit dem Körper üben zu können. Außerdem hat die Faszienbewusstsein das ganze Yoga und die Beziehung zu den einzelnen Asanas nochmal von Grund auf verändert.


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